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Aufholen nach Corona - wie stark sind "Löwenstark" & Co. tatsächlich?

Dass die Corona-Pandemie Kinder und Jugendliche besonders belastet hat, wurde von mehreren Studien* nachgewiesen. Große Lernlücken, psychische Belastungen und weitere soziale Benachteiligungen sind entstanden und sollen mit Hilfe des Bund-Länder-Programms „Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche“ behoben werden. Dafür hat der Bund eine Milliarde Euro bereitgestellt. Doch nach einem ersten Zwischenbericht der Länder im März 2022 wurde deutlich: Die Anstrengungen bei der Umsetzung müssen weiter erhöht werden. Stimmen aus Politik und Bildung werden laut, die die deutsche Bildungspolitik und das Programm kritisieren.

Kritik am Aufholprogramm

So blickt etwa der Bildungsforscher Kai Maaz (Mitglied der SWK, Mitverfasser des Nationalen Bildungsberichts) im Interview mit der FAZ skeptisch auf die Umsetzung des von ihm eigentlich als „positives Signal“ gesehenen Aufholprogramms. Ohne geeignetes Personal und Monitoring wirke es wie „ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt er. Maaz weiter: „Langfristig brauchen wir ein Ziel, wo wir hinwollen, eine Priorisierung sowie eine Abstimmung von Diagnose, Förderung, Evaluation und Weiterentwicklung – dies alles als Ablauf, der sich regelmäßig wiederholt.“ Auch Heinz-Peter Meidinger, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, betrachtet die Maßnahmen kritisch: „Schüler, die unter schlechtem, fehlendem oder wegen häuslicher Verhältnisse ineffizientem Distanzunterricht litten, werden jetzt ausgerechnet mit digitaler Nachhilfe abgespeist.“ Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Baden-Württemberg (GEW) stellte das Programm Rückenwind als „heiße Luft“ in Frage und kritisiert darüber hinaus den zusätzlichen Verwaltungsaufwand für Schulen. Weiter plädiert die GEW dafür, Regelungen zu schaffen, die verbindliche und nachhaltige Angebote ermöglichen. Denn da die Teilnahme an den Förderprogrammen bisher freiwillig ist, hat dies zur Folge, dass gerade die Kinder und Jugendlichen, die auf Unterstützung angewiesen wären, nicht erreicht werden.

Mittel werden nicht vollständig abgerufen

Der teilweise sehr hohe bürokratische Aufwand hat dazu geführt, dass die vorhandenen Mittel nicht vollständig abgerufen wurden. So gab es bis ins Jahr 2021 in fast allen Bundesländern einen extremn niedrigen Mittelabruf. Im März 2022nmussten die Länder in ihrem Bericht melden, wie viel bisher ausgegeben wurde. Ganz unten auf der Liste standen Thüringen und Sachsen-Anhalt, wo so gut wie noch nichts abgerufen wurde. Auch Brandenburg hat beispielsweise erst 15 Millionen Euro der knapp 69 Millionen zur Verfügung stehenden Mittel für das Aufholen von Lernrückständen ausgegeben. Gründe dafür liegen vor allem am mangelnden pädagogischen Personal. Die Erfahrung bei der Lehrkräfteeinstellung hat in den vergangenen Jahren gezeigt, dass freie Stellen in bestimmten Regionen nicht besetzt werden können und dadurch die Unterrichtsversorgung schon vor der Pandemie kaum sichergestellt werden konnte. So wurden beispielsweise in vielen ostdeutschen Bundesländern viele Lehrerstellen gar nicht oder nur mit Quereinsteiger*innen besetzt. Aufgrund des deutschen Bildungsföderalismus besteht daher die Gefahr, dass regionale Ungleichgewicht weiter zunehmen.

Wie geht es weiter?

Die Kultusminister*innen haben schon eine Aufholprogramm-Folgeforderung in Höhe von 500 Millionen
Euro für ein weiteres Jahr erhoben. Die Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger betont dazu:
„Ausweislich des Zwischenberichts der Länder wurde eine Vielzahl von Aktivitäten zu den gemeinsam vereinbarten Maßnahmen möglich gemacht. Nun sollten wir die Anstrengungen bei der Umsetzung weiter
erhöhen. Das sind wir den Kindern und Jugendlichen schuldig.“ Als außerschulische Bildungsanbieter steht auch die PTE hinter dem Ziel, Lernrückstände aufzuholen. Ein nachhaltiges und konstantes Förderprogramm wäre in unserem Sinne.

Nicht nur Negativbeispiele

Der Zwischenbericht der Länder dokumentiert eine Vielzahl von breit gestreuten Maßnahmen: Sie umfassen
neben Unterstützungsangeboten zum Aufholen von Lernrückständen in Kernfächern und Sprachförderangeboten auch freizeitpädagogische Ferienangebote, psychologische Unterstützungsangebote, berufsorientierende und sonderpädagogische Maßnahmen sowie musisch-kulturelle Angebote und Sportangebote. Realisiert werden konnten sie durch den Einsatz von Lehrkräften und zusätzlichen Unterstützungskräften wie Studierenden der Lehramtsstudiengänge, Pensionär*innen, sozialpädagogischen Fachkräften und Ausbilder*innen in Betrieben sowie mit Hilfe von Kooperationspartner*innen wie Vereinen, Stiftungen, Volkshochschulen, Nachhilfe- und Lerntherapieanbieter*innen. Auch die PTE gehört zu diesen außerschulischen Anbieter*innen und hat beispielsweise bereits in Niedersachsen in Zusammenarbeit mit verschiedenen Schulen Förderprogramme umgesetzt.

Umsetzung in der Praxis

Am Beispiel der Umsetzung des Förderprogramms in Baden-Württemberg wird deutlich: Es bedarf hoher
Einsatzbereitschaft und Organisationstalent seitens der Schulverwaltung, Lehrkräfte und Schülerfachschaften. Doch steht das Konzept und sind die Personalfragen geklärt, profitieren nicht nur die Schüler*innen, sondern auch die Lehrund Unterstützungskräfte von wertvoller Praxiserfahrung. Die konkrete Realisierung in den Schulen variiert stark: Die Förderangebote werden begleitend im regulären Unterricht ebenso wie in Form von Hausaufgabenbetreuung oder Lernbegleitung angeboten. Es gibt Förderkurse in Kleingruppen, die von den verschiedenen Lehr- und Unterstützungskräften angeboten werden. Einig sind sich die Befragten vor allem bei einem Punkt: „Der organisatorische Mehraufwand lohnt sich“, stellt Schulleiter Rainer Kropp-Kurta von der Grund- und Werkrealschule Villingendorf fest. Auch die Schulleiterin des Gymnasium am Hoptbühl in Villingen, Duelli-Meßmer, berichtet: „Nach anfänglichen Hürden im Bereich der Personalgewinnung und auch der zeitintensiven Kurszusammenstellung sind wir mittlerweile überzeugt von ‚Lernen mit Rückenwind‘.“ Besonders wertvoll erwies sich das Programm auch an der Falkenhausenschule in Kehl, die durch die Lage an der deutsch-französischen Grenze eine heterogene Schulgemeinschaft mit einem hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund hat: Dank des Förderprogramms konnten zwei pädagogischen Assistentinnen, beide mehrsprachig, für insgesamt 24 Stunden pro Woche eingestellt werden. Sie unterstützen bei der Betreuung der Kinder im Unterricht und können so integrativ und zielorientiert auf den Förderbedarf einzelner Schüler*innen eingehen. Die Rektorin der Grundschule, Imogen Remmert, sieht hier eine Stärke des Aufholprogramms: „Insbesondere diese integrative Förderung schwächerer Schülerinnen und Schüler ist eine sehr wichtige Unterstützung im pandemiegeplagten Schulalltag und eine zukunftsweisende Form des Unterrichtens.“

Quellen

  • www.bmbf.de/Pressemitteilung: 36/2022 Milliardengroßer Förderwirrwarr – F.A.Z. (faz.net)
  • www.gew-bw.de/aktuelles/detailseite/heisse-luft-statt-rueckenwind
  • www.rp.baden-wuerttemberg.de/rpf/abt7/lernen-mit-rueckenwind

*Studien: u. a. IQB-Bildungstrend, Nationaler Bildungsbericht, COPSY-Studie, MoMo-Studie


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