Kind stört Unterricht

Hochbegabung und AD(H)S - erkennen und unterscheiden

Jede Lehrkraft kennt die Situation: In der Klasse ist ein „Störenfried“. Durch seine ständige Aktivität wird die Klasse abgelenkt. Das Kind lässt Mitschüler nicht ausreden, ist zappelig und ablenkbar. Die erste Vermutung ist meist eine Aufmerksamkeitsstörung – doch oft steckt auch etwas anderes dahinter.

Der Zusammenhang von Hochbegabung und AD(H)S ist unter Fachleuten ein sehr kontrovers diskutiertes Thema. Wissenschaftler sind sich einig, dass AD(H)S in allen Begabungsstrukturen vorkommt.

Eine Forschungsgruppe um James T. Webb ist jedoch zu der Erkenntnis gekommen, dass bei hochbegabten Kindern oft zu Unrecht AD(H)S diagnostiziert wird. Das hohe Aktivitätslevel bei Hochbegabten sei eine mögliche Erklärung für „leidenschaftliches und kinästhetisches“, also durch Bewegung gekennzeichnetes, Lernen und nicht eine durch AD(H)S verursachte Aufmerksamkeitsstörung. Ebenso verhalte es sich auch mit der niedrigeren Impulskontrolle hochbegabter Kinder. Die auffallende Ungeduld dieser Kinder könne auch auf eine Ungleichmäßigkeit in der Entwicklung hindeuten, was heißt, dass das soziale Urteilsvermögen/Verhalten den kognitiven Fähigkeiten hinterherhinkt und daher kein Zeichen eines Aufmerksamkeitssyndroms sein müsse.

Prof. Dr. Franzis Preckel von der Universität Trier kommt in ihren Forschungen zu dem Ergebnis, dass das wichtigste Unterscheidungskriterium zwischen AD(H)S und Hochbegabung das Verhalten sei. Das heißt, dass die Symptome verschwinden, sobald das Kind intellektuell gefordert wird. Deshalb wird in den S3-Leitlinien zur Testung von AD(H)S gleichzeitig ein Begabungstest empfohlen, um eine Unterforderung auszuschließen.

Anzeichen einer Hochbegabung

Besonders auffällig ist der Entwicklungsvorsprung gegenüber Gleichaltrigen. Experten sprechen hier von einer kognitiven Entwicklung, die dem biologischen Alter um durchschnittlich ein bis vier Jahre voraus ist.

Hochbegabte Kinder zeichnen sich durch eine hohe Merkfähigkeit, ausgeprägtes analytisches und logisches Denken sowie einen sehr guten Wortschatz und die Fähigkeit, sich zu artikulieren, aus. Neugier, Wissensdurst und Erkundungsdrang sind genauso ausgeprägt wie Fantasie und Kreativität.

Schon im Kindergartenalter können aufgrund von Unterforderung Hinweise auf eine Hochbegabung auftreten: Viele Kinder finden das Spielen „doof“, zeigen wenig altersgemäße Interessen, können sich nicht (gut) in Gruppen einbringen und stören, um wahrgenommen zu werden.

In der Schule können hochbegabte Kinder auffallen, weil sie im Unterricht endlos diskutieren, zu eigenen Lösungsmethoden greifen oder weil sie trotz bekannter Intelligenz schwache Leistungen zeigen (Underachiever/Minderleister). Sind die Kinder an diesem Punkt angelangt, ist es oft schwierig, diese Verhaltensmuster zu durchbrechen. Die Minderleistung führt zu einem negativen Selbstbild und das Kind entwickelt einen emotionalen Stau mit allen Folgen. Es können Wut und Aggressionen auftreten, das Kind ist enttäuscht von sich selbst und es kommt zu weiterem auffälligem Verhalten. Das Problem hierbei ist, dass jetzt das Verhalten zum Thema wird und nicht der eigentliche Auslöser - nämlich die Unterforderung aufgrund der Hochbegabung.

Rat der Lernexperten

Hochbegabung ist keine Krankheit oder Behinderung. Es ist eine besondere Gabe und Chance, die alle Beteiligten in besonderer Weise herausfordert und gut begleitet werden sollte.

In der Lerntherapie geben die PTE-Therapeuten den Kindern Struktur, erarbeiten verschiedene Lerntechniken und fördern ihre Stärken. Im Vordergrund steht immer der Aufbau des Selbstbewusstseins. Die Kinder lernen auch, ihr „Anderssein“ zu verstehen.

Als lerntherapeutische Fachkräfte plädieren wir deshalb dafür, einen Begabungstest nicht erst dann durchzuführen, wenn Probleme vorliegen. Stattdessen sollte die Ursache für das Verhalten genau analysiert werden, sobald erste, langanhaltende Anzeichen auftreten.

Anlaufstelle DGhK e. V.

Eine Anlaufstelle für Eltern ist die Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind e. V. (DGHK). Der Bundesverein untergliedert sich in 14 Regionalvereine, die auf das Bundesgebiet verteilt sind. Den Kindern wird das Zusammentreffen mit anderen hochbegabten Kindern ermöglicht, Eltern können sich in Gesprächskreisen austauschen und auch Lehrkräfte bekommen Tipps zum Umgang mit den Kindern im Unterricht.

Quellen

James T. Webb Kollegen, Doppeldiagnosen und Fehldiagnosen bei Hochbegabung: Ein Ratgeber für Fachpersonen und Betroffene

Franzis Preckel, Miriam Vock, Hochbegabung, Ein Lehrbuch zu Grundlagen, Diagnostik und Fördermöglichkeiten

Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind e. V., http://www.dghk.de

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