Lerntypen 2

Motivation beim Lernen

Der Vortrag von Herrn Grolimund war ein voller Erfolg! Die Teilnehmer, sowohl Eltern als auch Lerntherapeut*innen, waren begeistert:

Kommentare Grolimund

Bezeichnend für die Qualität des Vortrags war die Frage von Herrn Grolimund zum Einstieg:

“Welche Frage müsste ich beantworten, damit sich die Teilnahme für Sie gelohnt hat?”

Diese verdeutlicht, dass die Inhalte individuell auf die Vorgaben der Zuhörer ausgelegt wurden und entsprechend den Fragen aus dem Publikum angepasst wurden.

Rätsel Motivation

Fabian Grolimund erklärte in seinem Online-Vortrag, weshalb einige Kinder für bestimmte Fächer oder die Schule Motivation, Interesse und manchmal sogar Begeisterung aufbringen, während man bei anderen Kindern das Gefühl hat, sie ständig anschieben zu müssen. Darüber hinaus gab er konkrete Tipps und Hinweise für Eltern, wie diese die Motivation stärken können.

Um das Rätsel Motivation näher zu belichten, lohnt es sich, zunächst grundlegende Motive und Bedürfnisse von uns Menschen zu betrachten. Denn wir alle möchten mit unseren Handlungen etwas erreichen – wir sind daher immer motiviert – nur nicht immer für das, was langfristig nützlich wäre.

Wir alle haben Bedürfnisse, die wir befriedigen möchten. Dazu gehören körperliche Bedürfnisse wie Nahrungsaufnahme, Schlaf oder ein sicheres Dach über dem Kopf. Noch wichtiger sind in unserer modernen Welt jedoch die psychologischen Bedürfnisse. Aus diesen Bedürfnissen und den damit verbundenen Zielen und Motiven speist sich unsere Energie – der Wille zu handeln. Fünf wichtige psychologische Grundbedürfnisse sollen in Folgendem aufgeführt werden:

Grundbedürfnisse

Grundbedürfnisse zeichnen sich dadurch aus, dass sie bei allen Menschen zu finden sind. Sie sind bereits von Geburt an vorhanden und es kann für die psychische Gesundheit schwerwiegende Folgen haben, wenn Menschen über längere Zeit keine Möglichkeit finden, diese zu befriedigen.

Zu diesen Bedürfnissen gehört das Bedürfnis nach:

  • Angenehmen Tätigkeiten und das Vermeiden von unangenehmen und schmerzhaften Erfahrungen
  • Anerkennung und Selbstwertschutz
  • Bindung und Beziehung
  • Selbstwirksamkeit und Kompetenz
  • Autonomie

Was nutzt diese Betrachtungsweise, wenn wir Kinder motivieren möchten?

➢ Die Bedürfnisperspektive kann uns dabei helfen, zu verstehen, warum ein Kind für ein Fach oder eine Tätigkeit keine Motivation aufbringt.

➢ Darüber hinaus hilft diese Perspektive, herauszufinden, was wir als Eltern tun können, um die Motivation zu fördern.

Um dies zu verdeutlichen, betrachten wir das Beispiel von zwei Kindern beim Lesen: Emma und Ben.

Emma verschlingt ein Buch nach dem anderen, während man Ben scheinbar zwingen muss, auch nur eine halbe Seite zu lesen. Beobachtet man die jeweilige Situation der beiden, werden die Unterschiede schnell klar.

Emma geht in die zweite Klasse und liest sehr gerne. Emma und ihre Mutter schmökern oft abends im Bett. Meist liest Emma einen Drittel der Seite vor und ihre Mutter den Rest der Seite. Meist dauern diese Leseabende etwas länger als geplant und Emmas Mutter meint erschrocken: „Oh, schau mal, es ist schon wieder so spät – du hättest schon vor zwanzig Minuten das Licht ausmachen sollen!“ – aber die Harry-Potter Bücher sind einfach zu spannend, um sie aus der Hand zu legen. Emma genießt die gemeinsame Zeit, in der sie die Mutter ganz für sich alleine hat. Sie macht die Erfahrung, dass sie sich beim Lesen stetig verbessert und wird oft von ihrer Lehrerin gelobt. Der Großvater hat sie beim letzten Besuch gedrückt und ihr gesagt, dass er sehr stolz auf „seine kleine Leseratte“ sei.

Ben besucht die dritte Klasse und hatte von Beginn an Schwierigkeiten mit dem Lesen. Seine Lehrkraft hat die Eltern beim letzten Elterngespräch darauf hingewiesen, dass der Junge unbedingt mehr üben muss, damit sich der Rückstand nicht vergrößert. Diese Übungen gestalten sich als schwierig: Bis Ben endlich anfängt, haben er und seine Mutter meist einen ermüdenden Kampf hinter sich. Beide sind gereizt und seine Mutter fühlt sich stark unter Druck. Warum sieht ihr Sohn nicht ein, wie wichtig die Übungen sind? Ben reagiert heftig auf die Korrekturen seiner Eltern, rastet manchmal richtiggehend aus. Seine Mutter hat sich zwar bemüht, spannende Bücher zu finden, aber Ben liest so langsam und muss sich so sehr auf das Entziffern der Buchstaben konzentrieren, dass er den Inhalt gar nicht mitbekommt. In der Schule weiß er oft nicht, wo er weiterlesen soll, wenn er aufgerufen wird. Wenn er sich verliest, lachen die anderen Kinder ihn manchmal aus.

Sobald wir uns in die beiden Kinder hineinversetzen, sehen wir, dass Emma durch das Lesen alle fünf psychologischen Grundbedürfnisse befriedigen kann.

Sie erlebt:

  • Lesen gibt mir die Möglichkeit, in spannende Geschichten einzutauchen. Lesen macht Spaß!
  • Ich kann gut lesen und erhalte dafür viele Komplimente. Meine Eltern und Großeltern sind stolz auf mich. Lesen ist gut für mein Selbstwertgefühl!
  • Während ich lese, verbringen meine Eltern und ich schöne Momente miteinander. Lesen ist gut für die Bindung zu meinen Eltern!
  • Ich werde immer besser und schneller. Während ich lese, fühle ich mich kompetent!
  • Ich muss gar nicht mehr darauf warten, dass jemand Zeit hat, um mir vorzulesen. Wenn ich wissen will, wie die Geschichte weitergeht, kann ich einfach alleine weiterlesen. Beim Lesen bin ich autonom!

Lesen verknüpft sich dadurch positiv mit allen fünf Bedürfnissen und wird zu einem festen Bestandteil von Emmas Freizeitaktivitäten.

Ben erlebt genau das Gegenteil. Lesen ist für ihn bedrohlich:

  • Lesen ist blöd. Ich bin so langsam und brauche so viel Zeit, um die Buchstaben zu entziffern, dass ich den Inhalt gar nicht verstehe!
  • Wenn ich lese, lachen andere mich aus und geben mir das Gefühl, ein Versager zu sein. Lesen ist schlecht für mein Selbstwertgefühl!
  • Während ich lese, wird meine Mutter ungeduldig und wütend. Sie ist angespannt und enttäuscht von mir. Lesen schadet der Beziehung zu meiner Mutter!
  • Ganz egal, wie sehr ich mich anstrenge, ich werde einfach nicht besser. Beim Lesen verliere ich die Kontrolle und fühle mich hilflos. Auch wenn Ben auf einer bewussten Ebene vielleicht sogar einsieht, dass Lesen wichtig wäre und er üben sollte: auf der Gefühlsebene schreit alles in ihm, dass er dieser Tätigkeit so gut wie möglich aus dem Weg gehen sollte.

Besonders schlimm sind solche Erfahrungen, wenn mehrere Bedürfnisse gleichzeitig verletzt werden und man das Gefühl hat, nichts daran ändern zu können. Es ist nicht weiter schlimm, wenn sich jemand enttäuscht zeigt, weil wir eine bestimmte Leistung nicht erbracht haben oder eine Arbeit nicht zufriedenstellend ausfiel – solange wir uns in diesem Bereich kompetent fühlen. Dies führt vielleicht kurzfristig zu unguten Gefühlen, aber dann sagen wir uns: Dann mache ich es eben nächstes Mal besser. In eine ganz andere Lage kommen wir, wenn wir das Gefühl haben: Ich sollte das eigentlich können! Die Menschen um mich herum sind enttäuscht, wenn ich es nicht schaffe. Aber ich kann machen, was ich will: Ich kann es einfach nicht! Bei Ben besteht genau diese Gefahr. Er nimmt momentan nur wahr, dass er keine Fortschritte macht, dass er die geforderte Leistung nicht erbringen kann – und fühlt sich durch die Lese-Übungen bedroht. Der Junge kann nur noch versuchen, einer Konfrontation damit aus dem Weg zu gehen, sich zu weigern und Lesen als „unwichtig und blöd“ abzuwerten, um sein Selbstwertgefühl zu schützen.

Motivation als Ergebnis der Gleichung: Erwartung x Wert

Motivation ergibt sich aus unseren Erwartungen und dem Wert, den wir einer Handlung beimessen. Ganz konkret müssen wir drei Fragen mit „Ja!“ beantworten können, damit wir motiviert sind. Sehen wir uns diese Fragen für das Beispiel „Lesen“ genauer an.

Die erste Frage lautet: Muss ich überhaupt etwas tun, um das Lesen zu lernen?

Manche Kinder sind nicht motiviert, weil sie glauben, dass sie es nicht nötig haben zu lernen. Es fällt ihnen alles so leicht, dass sie sich gar nicht besonders anstrengen müssen. Sie erreichen ihre Ziele auch so. Bei Lerntrainings mit Kindern kurz nach dem Übertritt ins Gymnasium begegneten wir oft Schüler/innen, die plötzlich aus allen Wolken fallen, weil sie sich erstmals für ihre Noten ins Zeug legen müssten. Über die Grundschulzeit hinweg hatten sie immer die Erfahrung gemacht: „Ich kann es auch ohne Übung.“

Die zweite Frage, die wir uns mehr oder weniger bewusst stellen, ist: Glaube ich, dass ich in der Lage bin, das Lesen zu lernen, wenn ich mir Mühe gebe und übe?

Wenn wir in einem Bereich wiederholt die Erfahrung machen, dass wir trotz Anstrengungen keine Fortschritte erzielen, resignieren wir. Die Motivation sinkt, weil das Ziel unerreichbar scheint.

Zu guter Letzt stellt sich noch die Frage: Ist es mir wichtig, Lesen zu können?

Wir stellen uns immer auch die Frage, wie viel uns das Ziel bedeutet. Hier spielen die Grundbedürfnisse wieder eine große Rolle: Wenn wir sie durch das Lesen befriedigen können, wird es attraktiv und zieht uns an.

Nun können wir uns anhand der drei Fragen überlegen, weshalb ein Kind nicht motiviert ist. Dazu reicht es aus, wenn es eine einzige Frage mit „Nein!“ beantwortet. Auch wenn es Ben ungeheuer wichtig ist, das Lesen zu lernen und er weiß, dass sich der Erfolg nicht automatisch einstellt, so wird er dennoch keine Lust darauf haben, wenn er nicht daran glaubt, dass er sich durch Training und Anstrengung verbessern kann.

Konkrete Tipps, um die Motivation zu stärken

Generell muss man sich als Elternteil bewusst machen, dass wir sehr viel von unseren Kindern erwarten! Kinder sind ihren Bedürfnissen noch mehr als Erwachsene ausgeliefert. Sie können sie noch nicht entsprechend steuern oder unterdrücken. So ist es ein weiter Weg zur Einsicht, dass das Lernen nun gerade wichtig ist, wenn doch jedes Gefühl dagegenspricht. Wir müssen es unseren Kindern hoch anrechnen, wenn sie zielorientiert handeln und nicht mehr nur bedürfnisorientiert.

Grundbedrüfnisse
Auszug aus der Präsentation "Mit Kindern lernen" von Fabian Grolimund (Akademie für Lerncoaching)

Im Folgenden werden konkrete Hilfen, zur Stärkung der Motivation beim Lernen, zusammengefasst:

  1. Je früher damit begonnen wird, die Eigenmotivation zu Lernen zu stärken, desto besser. Schon Kleinkinder kann man in ihrer Selbstwirksamkeit bestätigen. Konkretes Loben hilft dabei weiter. Die Selbstständigkeit des Kindes kann man in kleinen Schritten fördern.
  2. Eine gute Atmosphäre beim Lernen und eine gute Beziehung zwischen Kind und „Lernperson“ ist ausschlaggebend! Bedingungsloser Rückhalt von den Eltern gibt dem Kind Sicherheit und Kraft. Ein Beispiel dazu: Das Eis zur Belohnung für gute Leistungen und das Eis zum Trost bei schlechten Noten. Dabei kann gemeinsam gefeiert oder getrauert werden.
  3. Schwächen als Stärken sehen: Wenn man etwas kann, ist es leicht und damit keine Herausforderung. Doch gerade, wenn man etwas nicht kann, gibt es eine Herausforderung, an der man wachsen kann – sich weiterentwickeln kann. Diese Rückmeldung hilft gerade lernschwachen Kindern, Mut zu fassen und motiviert an eine Aufgabe heranzugehen.
  4. Beim täglichen Kampf um die Hausaufgaben auch einmal nachgeben: Darf das Kind ohne Hausaufgaben zur Schule, ist es selbst verantwortlich für die Folgen. Eventuell kommt dann die Einsicht und damit die Selbsterkenntnis. Kommt dann das Kind von allein auf die Eltern zu und bittet um Hilfe, ist es von vornherein motiviert, die Aufgaben zu erledigen. Es muss nicht mehr dazu gezwungen werden
  5. Auf individuelle Fortschritte achten, statt das Kind mit Altersgenossen zu vergleichen. Lernschwache Kinder schneiden im Vergleich mit anderen immer schlechter ab. Das schadet der Motivation enorm. Doch im Einzelnen betrachtet, entwickelt sich jedes Kind weiter. Manchmal zwar nur in kleinen Schritten, doch auch diese müssen betont und gelobt werden!
  6. Verständnis zeigen: „Du hast heute keine Lust? So geht es mir auch oft bei der Arbeit. Ich bekomme dort Unmengen an Emails. 500 Stück waren es gestern. Ich habe mir dann vorgenommen, eine halbe Stunde lang Mails zu beantworten und danach aber etwas anderes zu tun. Willst du das auch mal probieren? Oder was würde es dir leichter machen?“
  7. Belohnungen wirken nur kurzfristig als Motivationsverstärker. Sie verlieren schnell den Reiz und müssen ständig verbessert werden, um zu funktionieren. Am Ende sind Kinder sogar noch weniger motiviert, als sie es vorher ohne das Belohnungssystem waren.
  8. Das kleinere Übel wählen. Wir kennen das alle: Wir schieben Aufgaben auf, bis es keine bessere Alternative mehr gibt. Liest ein Kind also beispielsweise nicht gerne, kann man ihm vorschlagen, vor dem Schlafen noch zu lesen. Dafür darf es dann eine halbe Stunde länger wach bleiben, muss aber in dieser Zeit lesen (Lesen ist hier im Vergleich zum Schlafen das kleinere Übel).
  9. Vorbilder nutzen: „Was würde Superman bei dieser schweren Matheaufgabe tun?“ Spricht man von anderen, fällt es Kindern oft leichter, Lösungen zu finden.
  10. Auf die Wünsche der Kinder eingehen. Oft haben die Kinder gute Ideen, um die Lernsituation zu ändern. Werden diese offen diskutiert, steigt die Motivation zu Lernen, denn es geschah ja auf eigenen Wunsch. So darf das Kind gerne auch mal in der Lernhöhle unter dem Tisch Hausaufgaben machen, mit Musik oder erst am Abend – Hauptsache, sie werden erledigt.

Referent und Lernexperte Fabian Grolimund

Fabian Grolimund
Fabian Grolimund


Fabian Grolimund ist Psychologe (FSP) und Autor. Er leitet gemeinsam mit Frau Stefanie Rietzler die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Als Experte in den Bereichen "Lerncoaching mit Jugendlichen" und "Lernberatung mit Eltern" hält er Vorträge, Weiterbildungen und Seminare für Eltern und Fachpersonen.

Am meisten Freude bereitet ihm die Entwicklung innovativer Projekte im Bereich des Lernens. Auf diese Weise entstanden in den letzten Jahren gemeinsam mit Stefanie Rietzler mehrere Kurzfilmserien, der kostenlose Online-Kurs „Mit Kindern lernen" sowie mehrere Bücher.

Quellen und Material zur Vertiefung

Das PTE-Lerncoaching bringt die Motivation am Lernen zurück und entlastet nicht nur Ihre Kinder, sondern die ganze Familie. Informationen dazu finden Sie unter: Lerncoaching (pte.de)


Auf der Webseite der Akademie für Lerncoaching finden Sie zahlreiche Informationen und Materialien zum Thema:
www.mit-kindern-lernen.ch

https://www.mit-kindern-lernen...

Auf seinem YouTube-Kanal bietet Fabian Grolimund hilfreiche Videos zum Thema Motivation und Lernen mit Kindern:

https://www.youtube.com/user/m...https://www.youtube.com/user/m...

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