Begleiten, Loslassen, Verbünden
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Jedes neue Schuljahr bietet Familien immer auch die Chance auf einen Neuanfang. Besonders für Eltern von Kindern mit Lernbesonderheiten wie einer Lese-Rechtschreibschwäche (LRS), Rechenschwäche (Dyskalkulie) oder ADHS ist dieser Übergang jedoch oft von Sorgen geprägt. Die Gratwanderung zwischen notwendiger Unterstützung und dem Gewähren von Freiräumen ist anspruchsvoll. Um die Eigenkompetenz des Kindes nachhaltig zu stärken, bedarf es einer klaren Definition der Verantwortlichkeiten zwischen Elternhaus und Schule sowie des bewussten Rückzugs der Erwachsenen aus dem direkten Lernprozess sowie einer wertschätzenden Erziehungspartnerschaft auf Augenhöhe mit den Lehrkräften.
Inhalte
Raum für die Lehrkraft: Vertrauen als Basis des Lernerfolgs
Damit Schule als Entwicklungsraum funktionieren kann, benötigt die Lehrkraft pädagogischen Handlungsspielraum. Studien (vgl. Wild & Wild, 1997) zur elterlichen Lernunterstützung belegen, dass ein übermäßig kontrollierendes Verhalten von Eltern im schulischen Bereich oft das Gegenteil des Gewünschten bewirkt: Es demotiviert Kinder und führt zu Leistungsdruck. Lehrererinnen und Lehrer sind die Experten für die Wissensvermittlung im Klassenzimmer und für die Notengebung. Wenn Eltern jede pädagogische Entscheidung hinterfragen oder gar versuchen, den Unterricht aktiv zu steuern, leidet das Vertrauensverhältnis, das gerade für Kinder mit Lernstörungen das wichtigste Sicherheitsnetz darstellt. Der Raum der Lehrkraft sollte respektiert werden, indem Hausaufgaben und schulische Leistungen primär in die Verantwortung der Schule gelegt werden.
Eigenkompetenz stärken: Die Psychologie des Loslassens
Für Kinder mit ADHS, LRS oder Dyskalkulie ist die Erfahrung von Selbstwirksamkeit – das Bewusstsein, eine Aufgabe aus eigener Kraft bewältigen zu können – von zentraler Bedeutung. Wissenschaftliche Untersuchungen (vgl. Deci & Ryan, 2000) zur Selbstbestimmungstheorie zeigen, dass Autonomie, Kompetenzwerdung und soziale Eingebundenheit die Hauptpfeiler intrinsischer Motivation sind, also der inneren Antriebskraft. Wenn Eltern sich zu stark einmischen, indem sie täglich alle Hausaufgaben korrigieren oder dem Kind jede Anstrengung abnehmen, signalisieren sie unbewusst: „Du schaffst das nicht allein.“
Gerade im neuen Schuljahr sollte das Ziel darin bestehen, Fehler als wichtigen Teil des Lernprozesses zuzulassen. Nur durch unkorrigierte Hausaufgaben erhält die Lehrkraft eine realistische Rückmeldung darüber, wo das Kind noch Unterstützung benötigt. Das Kind wiederum lernt, Verantwortung für sein eigenes Handeln und seine Organisation zu übernehmen – ein unschätzbarer Gewinn für das Selbstwertgefühl, das bei Kindern mit Lernstörungen ohnehin empfindlich ist.
Wo sind die Grenzen? Wann Einmischung sinnvoll ist
Die Grenze zwischen gesunder Begleitung und Überbehütung verläuft dort, wo Unterstützung die Eigeninitiative des Kindes ersetzt. Eltern sollten sich nicht als „Hilfslehrer“ verstehen, sondern als emotionale Unterstützer und Strukturgeber im Hintergrund. Strukturierungshilfen im Alltag sind bei neurodivergenten Kindern essenziell, um den Einstieg in das selbstständige Arbeiten überhaupt erst zu ermöglichen (vgl. Gawrilow et al., 2012). Sinnvolle Aufgaben für Eltern sind daher:
- Das Bereitstellen eines reizarmen Arbeitsplatzes.
- Die Etablierung fester, verlässlicher Lernzeiten.
- Unterstützung bei der Strukturierung des Schulranzens oder des Terminkalenders.
Ein direktes Eingreifen in den schulischen Ablauf ist dann geboten, wenn das Kind trotz vereinbarter Nachteilsausgleiche (z. B. bei LRS oder ADHS) systematisch überfordert ist, emotionalen Schaden nimmt oder Mobbing ausgesetzt ist. In diesen Fällen sollte gemeinsam mit der Schule nach einer Lösung gesucht werden. Auch wir von der PTE unterstützen beim Austausch mit den Lehrkräften (auf Wunsch und nach Entbindung der Schweigepflicht) regelmäßig und fungieren als Schnittstelle zwischen Kind, Eltern und Schule.
Erfolgreich mit Lehrkräften und Schule kommunizieren
Zu Schulbeginn stehen auch bald die ersten Elternabende und Elterngespräche an. Gerade in dieser Phase herrscht oft eine unterschwellige Anspannung auf beiden Seiten: Auf der einen Seite stehen Eltern, die ihr neurodivergentes Kind schützen und ihm die besten Chancen sichern wollen; auf der anderen Seite stehen Lehrkräfte, die unter permanentem Ressourcenmangel, großen Klassen und einem straffen Lehrplan leiden.
Um aus dieser potenziellen Konfrontation eine tragfähige Erziehungspartnerschaft zu formen, braucht es ein lösungsorientiertes Gespräch. Ziel ist es, die Bedürfnisse des Kindes klar zu vermitteln, ohne dass es wie eine Forderung oder eine Entschuldigung für Fehlverhalten wirkt. Folgende Strategien können dabei helfen:
- Verständnis voranstellen: Die Belastung der Lehrkraft anerkennen. Das nimmt sofort die Schärfe aus dem Gespräch.
- Fakten statt Diagnosen-Jargon: Das Verhaltensmuster und wirksame Auslöser des Kindes konkret beschreiben statt nur Fachbegriffe zu nennen.
- Gemeinsame Lösungsfindung anbieten: Sich als Partner im Team des Kindes positionieren, nicht als Gegner.
Konkrete Formulierungshilfen für die Praxis:
| Häufige Haltung / Stolperfalle | Lösungsorientierte Formulierung |
„Mein Kind hat ADHS, deshalb kann es bei Störungen nicht ruhig sitzen. Sie müssen mehr Verständnis haben.“ (Wirkt wie eine Ausrede) | „Unser Kind benötigt aufgrund seiner ADHS klare äußere Reizreduktion. Wir merken zu Hause, dass ihm kurze Bewegungspausen oder ein Sitzplatz vorne helfen. Wie erleben Sie ihn im Unterricht und wie können wir Sie hierbei unterstützen?“ |
„Der Nachteilsausgleich wegen der LRS wurde letztes Jahr gar nicht richtig umgesetzt!“ (Angriffsmodus) | „Der Nachteilsausgleich hilft unserem Kind sehr, Sicherheit aufzubauen. Uns ist wichtig, dass wir hier am selben Strang ziehen. Wie läuft die Umsetzung in Ihrem Fach aktuell ab?“ |
„Sie geben einfach zu viele Hausaufgaben auf!“ (Pädagogische Kritik) | „Wir beobachten, dass die Aufgaben nach 45 Minuten zu extremer Überforderung führen. Wir haben vereinbart, nach dieser Zeit abzubrechen. Passt das für Sie als Rückmeldung zum aktuellen Lernstand?“ |
Durch eine solche wertschätzende und lösungsorientierte Kommunikation signalisieren Eltern der Lehrkraft: "Wir ziehen an einem Strang." und schaffen dadurch die notwendige Vertrauensbasis, damit Schule auch für Kinder mit Lernschwäche ein sicherer Ort des Lernens und der persönlichen Entfaltung wird.
Quellen
- Wild, E., & Wild, K.-P. (1997): Elterliche Lernunterstützung und schulische Leistungsentwicklung. In: Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 29(4), 295–311.
- Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2000): The "what" and "why" of goal pursuits: Human needs and the self-determination of behavior. Psychological Inquiry, 11(4), 227–268.
- Gawrilow, C., Guderjahn, L., & Gold, A. (2012): Störungsbild ADHS im Schulkontext: Bedingungen, Interventionen und Hilfestellungen. Kohlhammer, Stuttgart.
PTE-Redaktion: Manuela Bonfiglio