Lehrerin im Klassenzimmer

Schulpädagogischer Umgang mit Erkenntnissen über ADHS

Welche pädagogischen Interventionen haben sich als wirksam erwiesen, die neuropsychologischen Prozesse bei AD(H)S (u. a.), der dopaminerg-frontocorticalen Dysfunktionen, wirksam und nachhaltig zu reduzieren? Ein Auszug aus dem Artikel „ADHS: Impulsiv und unaufmerksam – Lehrer und Pädagogen ohne Chance?“ von Dr. h.c. Hans Biegert, HEBO-Privatschule Bonn.

Bei der Formulierung ADHS-wirksamer unterrichtlicher Interventionsbausteine habe ich mich von den Erfahrungen als leitender Direktor der HEBO-Privatschule, der seit 30 Jahren bundesweit einzigen (Gesamt-)Schule mit besonderer pädagogischer Prägung für Kinder mit ADHS, leiten lassen. Und auch meine Erfahrungen aus durchgeführten Lehrerfortbildungen zum Thema „ADHS und Schule – wirksame schulpädagogische Förderung von Kindern mit ADHS im Regelunterricht“ sind dabei mit eingeflossen: Lehrer- innen und Lehrer suchen nach konkreten, handfesten und im täglichen Unterricht umsetzbaren Modulen, die sie im Umgang mit AD(H)S- Kindern im Hinblick auf einen zielführenden Unterricht entlasten.

Was wir über ADHS wissen und was wir für eine schulpädagogisch orientierte Approbation dieses Wissens, also für einen ADHS-wirksamen Unterricht, daraus ableiten können:

1. ADHS = Selbstregulationsstörung: ADHS-Kinder brauchen im Unterricht verstärkt Fremdregulation, d. h. Strukturen, Rituale, regulierende Rahmenbedingungen.

2. ADHS = Anpassungsstörung: ADHS-Kinder brauchen auf allen unterrichtlichen Ebenen (kognitiv, didaktisch-methodisch, emotional, sozial) Adaptivität.

3. ADHS = Selbstbild- und Selbstwirksamkeitsstörungen: ADHS-Kinder benötigen selbstbild- und selbstwirksamkeitsfördernde unterrichtliche Rahmenbedingungen.

1. Selbstregulation fördern

Verbesserung von Aufmerksamkeitslenkung und Selbststrukturierung durch wirksame pädagogische Führung:

  • Eindeutige, positiv formulierte, kurze und griffige Regeln festlegen, z. B.: Ich rufe nicht ungefragt in die Klasse oder ich bin pünktlich zu Stundenbeginn im Raum.
  • Umsicht zeigen, Übersicht behalten. Die gesamte Klassendynamik im Auge haben: Die Lehrkraft bekommt alles mit; vorausschauendes Wahrnehmen von Problemverhaltensweisen.
  • Störungen oder Ablenkungen im Ansatz erkennen, sofort niederschwellig regulierend eingreifen und produktiv umlenken (kurz, sachbezogen, vorwurfsfrei ansprechen).
  • Eindeutige Anweisungen (kurz, knapp, nicht vorwurfsvoll) und verhaltensregelnde Symbole/Handzeichen/Gestik-Mimik mit dem Schüler„vereinbaren“.
  • Regelverstöße nicht dramatisieren, aber sofort einschreiten ohne fulminante Grundsatzdiskussionen.
  • Normen- und Sanktionskatalog für Fehlverhalten festlegen und eindeutig beschreiben.
  • Standhaft sein, ohne zu herrschen - konsequent sein, ohne zu drohen.
  • Räumliche Nähe zum Schüler, sich neben das Kind stellen, immer wieder Blickkontakt. ADHS-Kinder gehören in den „Antennenbereich“ des Lehrers.
  • Fester, nicht ständig wechselnder Sitzplan, nicht an Einzeltisch in die letzte Reihe.
  • Gezielte, überschaubare Aufträge erteilen, nicht zu viele Dinge auf einmal einfordern.

2. Anpassungsfähigkeit fördern

Förderung von Lernerfolgen durch möglichst hohe, aber adaptive, kognitive und methodische Anforderungen:

  • Ruhe in der Klasse gewähr- leisten, kein Unterrichtsbeginn ohne absolute Ruhe.
  • Alles Überflüssige vom Tisch, immer zu Stundenbeginn prüfen und durchsetzen.
  • ADHS-Kinder nicht an Gruppentische setzen, lehrerzentrierte Sitzordnung.
  • Mit offenen Unterrichtsformen nicht überfordern, Freiarbeit, Wochenplanarbeit nur mit helfendem, strukturierendem Begleiten.
  • Kleinschrittig strukturierend vorgehen, immer wieder rückfragen und Erarbeitetes sichern.
  • Ergebnisse in Merksätzen und Regeln festhalten, lernen lassen, abfragen.
  • Regelmäßige Überprüfung der Heftführung. Arbeitsblätter werden noch in der Stunde unter Lehreraufsicht abgeheftet/eingeklebt.
  • Häufige kleine schriftliche wie mündliche Überprüfungen mit Lernerfolgsmöglichkeiten.
  • Vermeidung von Monotonie im Unterricht, Abwechslung in der Gestaltung, neues Material einführen.
  • Aufgaben mit positivem Anreizwert. Anpassung an die Lernvoraussetzungen.
  • Individuelle Gestaltung von Überprüfungssituationen.
  • Unterrichtsroutinen pflegen, erteilte Hausaufgaben immer und bei jedem kontrollieren (loben!).
  • Die Übernahme der kompletten Hausaufgabenstellung ins Aufgabenheft prüfen/abzeichnen.
  • Selbststrukturierung fördern (Stopp – schau/hör/lies genau – plane sorgfältig – konzentriere dich – überprüfe dein Ergebnis in Ruhe – gut gemacht!).

3. Selbstbild / Selbstwirksamkeit fördern

Aufbau eines positiven Sozialklimas durch emotionalen Rückhalt, positive Erfolgserwartung und Positiv-Feedback:

  • Umfassende Aufklärung und Beratung von Eltern und Schülern und die Vermittlung professioneller Kontaktadressen.
  • Kooperation Schule – Elternhaus – Therapeut fördern.
  • Positive Rückmeldung, Lob, nicht nur gute Ergebnisse, sondern auch individuelle Anstrengung und individuelle Fortschritte anerkennen.
  • Die Individualität der persönlichen Lerndispositionen anerkennen und achten.
  • Ermutigen statt entmutigen: Selbstvertrauen stärken durch individualisierte Hilfestellung.
  • Schaffen einer angstfreien Lernatmosphäre: Fehler und Nichtkönnen nicht diffamieren, das Kind als Persönlichkeit achten.
  • Einfühlungsvermögen und Geduld vermitteln, zuhören, störendes Verhalten nicht persönlich nehmen, Misstrauen/Vorurteile ablegen.
  • Ständige Gesprächsbereitschaft anbieten, Kritik nur im Vier-Augen-Gespräch.
  • Positive Einstellung zum Kind suchen – täglich neu !

Textauszug: Vollständiger Artikel

Es handelt sich bei diesem Beitrag um einen Auszug aus dem Artikel „ADHS: Impulsiv und unaufmerksam – Lehrer und Pädagogen ohne Chance?“ von Dr. h.c. Hans Biegert, HEBO-Privatschule Bonn.

Die ungekürzte Fassung ist hier zu finden.

Über den Autor

Prof. Dr. h.c. Hans Biegert zählt zu den Experten auf dem Gebiet „Schule und AD(H)S“. Durch seine langjährige Tätigkeit als Lehrer, Schulleiter, Dozent und Coach verfügt er über wirksame pädagogische Ansätze im Umgang mit verhaltensproblematischen Kindern und Jugendlichen.

  • Leitender Schuldirektor a.D. HEBO-Privatschule Bonn
  • Professor Dr. h.c. Psychologische Fakultät, staatl. Regionaluniversität Moskau
  • Lehrbeauftragter TUCed – Technische Universität Chemnitz-Education
  • Dozent Lehrerakademie Querenburg-Institut, Bochum
  • Wissenschaftlich pädagogischer Beirat ADHS-Deutschland e.V., Berlin
  • Wissenschaftlicher Beirat Juvemus e.V., Koblenz
  • Gastdozent Leningrad State University Puschkin. St. Petersberg
  • Dozent kath. Familienbildungsstätte Bonn u. Duisburg
  • Dozent Bildungswerke der Erzdiözese Köln
  • Dozent/Lehrbeauftragter Schwerpunkte ADHS und Schule, problematisches Schülerverhalten,
  • Neurobiologie Lernen/Lernstörungen; Inklusions- und Förderpädagogik
  • Preisträger des ADHS-Förderpreises 2012 Universität des Saarlandes, Saarbrücken

Quellen

Barkley, Russel: Attention - Deficit Hyperactivitydisorder. A Handbook for Diagnosis and Treatment, 2. Auflage. New York, 1998.

Biegert, Hans: Individuelle Förderung und persönliche Betreuung. In: Hyperaktive Kinder, 1996.

Biegert, Hans: Damit Schule nicht zum Alptraum wird. In: Fitner, T. & Stark, W. (Hrsg.): ADS: verstehen - akzeptieren- helfen. Weinheim: Beltz, 2000, S. 26-33

Biegert, Hans: Impulsiv und unaufmerksam - Hyperkinetische Kinder in der Schule. In: Aufmerksamkeitsdefizit/ Hyperaktivitätsstörungen, Uni-Med, 2001

Biegert, Hans: Praxis des pädagogischen Umganges von Lehrern mit hyperternetisch – aufmerksamkeitsgestörten Kindern im Schulunterricht. In: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie. Vandenhoeck + Ruprecht, 2002.

Biegert, Hans: Teilleistungsschwächen-ADS. Ludwigshafen, 2001.

Doepfner, Manfred / Schürmann Stephanie / Frölich, Jan: Therapieprogramm für Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellem Problemverhalten (THOP). Weinheim:

Beltz, 1997.

Doepfner, Manfred / Schürmann Stephanie / Lehmkuhl, Fert/ Wackelpeter und Trotzkopf, Beltz, Weinheim, 1999

Eliot, Lisa: Was geht da drinnen vor? Die Gehirnentwicklung in den ersten 5 Lebensjahren. Berlin Verlag, 2002

Guthke, J..: Intelligenz im Test - Wege der psychologischen Intelligenzdiagnostik. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1996.

Plomin, Robert/Defries, John: Gene, Umwelt und Verhalten. Bern: Verlag Hans Huber, 1999.

Rowe, David: Genetik und Sozialisation. Weinheim: Psychologie-Verlags-Union, 1997.

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Spitzer, Manfred: Lernen. Spektrum, 2002

Weber, H./Westmeyer, H.: Die Inflation der Intelligenzen. In: Perspektiven der Intelligenzforschung. Längerich: Papst, 2001

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