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Teufelskreis Lernstörung

Die Eltern von Felix, 12 Jahre, 7. Klasse Realschule, sind ratlos: Felix entfernt sich immer weiter von ihnen, ist traurig, hat keine Lust auf Schule und auch die Noten werden immer schlechter. Hausaufgaben und Lernen erfolgen nur unter massivem Druck.

Biografie von Felix

Bereits in der Grundschule hat Felix erhebliche Probleme beim Lesen und Schreiben. Diese wurden immer unterschätzt und blieben daher unbehandelt. Mittlerweile hat sich die Lese-/ Rechtschreibschwäche zu einer Lernstörung ausgeweitet: Felix hat nun schlechte Noten in fast allen Fächern, er zieht sich komplett zurück, gilt als Störenfried in der Klasse und die ganze Familie leidet unter der Situation. Im außerschulischen Bereich, etwa beim Fußball, ist Felix dagegen gänzlich unauffällig.

Auslösende Faktoren einer Lernstörung

Der Teufelskreis Lernstörung, der erstmals von Betz/Breuninger formuliert wurde, beschreibt, wie sich aus anfänglichen Schwächen im Lesen, Schreiben, Rechnen oder in der Aufmerksamkeit der schulische Alltag und die Lernsituation zu Hause immer weiter zuspitzen. Es wird für den Schüler und für sein „pädagogisches Umfeld“ immer schwieriger, angemessen und hilfreich zu reagieren.

Die Lernstörung wirkt sich nun zunehmend, ausgehend vom pädagogischen Bereich, auch auf den sozialen und den innerpsychischen Bereich aus.

Im pädagogischen Teufelskreis geht es also zunächst primär um die Interaktion zwischen den Leistungen des Schülers und seinem familiären und schulischen Umfeld, das heißt, dem Unterrichtsgeschehen in der Schule, den Normen und Erwartungen, an denen die Leistungen gemessen werden und daran, wie die Eltern zu Hause mit ihrem Kind lernen und mit den Erfolgen bzw. Misserfolgen des Kindes umgehen.

Gleichzeitig beeinträchtigen die mangelnden Leistungen des Schülers nicht nur sein soziales Umfeld, sondern auch den Schüler selbst. So gehen beispielsweise gute Noten mit Stolz und Bestätigung, schlechte Noten aber mit Scham, Enttäuschung und Wut einher.

Bei Felix ist es eine Kombination aus dem Frontalunterricht, mit dem er nicht klarkommt, sowie zu hoch angesetzten Erwartungen der Eltern nach fehlerfreier Rechtschreibung, denen er im schulischen Setting nicht nachkommen kann. Schlechte Noten lösen dann wiederum Wut, Enttäuschung und Zukunftsängste bei den Eltern aus.

Pädagogisches Missverständnis

Das pädagogische Missverständnis stellt ein großes Problem dar. Die Versuche, den Schüler direkt zu fördern, werden ab einem bestimmten Zeitpunkt vom Schüler als Schikane empfunden. Daraus folgt, dass die Interaktion von der pädagogischen auf die Beziehungsebene abgerutscht ist. In unserem Beispiel ließ Felix´ Lehrer ihn laut vorlesen, um ihn zu unterstützen. Felix mit seiner Lese- /Rechtschreibschwäche erlebt dieses Wohlwollen des Lehrers aber komplett negativ, sodass dieser gut gemeinte Hilfeversuch des Lehrers bei ihm ins Gegenteil umschlägt.

Einstieg in den sozialen Teufelskreis

Der Übergang in den sozialen Teufelskreis erfolgt dadurch, dass die erzieherischen Maßnahmen, die aus der sozialen Umwelt von Lehrern und Eltern auf den Schüler wirken, als Druck und Strafe empfunden werden. Diese wiederum haben Einfluss auf das Selbstwertgefühl des Schülers. Er reagiert mit Verhaltensauffälligkeiten (verbal und körperlich), Verweigerungsverhalten („Lernen bringt eh nichts.“) oder mit Rückzug (keine Freunde).

Dieser soziale Teufelskreis wirkt dann weiter in den innerpsychischen Teufelskreis, d. h. das Selbstwertgefühl des Schülers wirkt auf seine Leistungen. Eine weitere Leistungsstörung wird dabei entweder durch Stress/Druck ausgelöst, da die dadurch ausgelöste Angst Blockaden, sog. Black-outs, in Klassenarbeiten hervorruft oder sie wird dadurch ausgelöst, dass Leistungen komplett verweigert werden (Schüler verweigert Hausaufgaben, Lernen und den Schulbesuch). Da vorhandene Lücken weitere Lücken auslösen, führt das dazu, dass der Schüler im Unterricht nicht mehr mitkommt und das Leistungsdelta immer größer wird. So auch bei Felix. Bei Klassenarbeiten hatte er aufgrund seiner Versagensangst komplette Blockaden, die anschließend in einer ungenügenden Note endeten.

Verschiedene Teufelskreis-Stadien

1. Stadium: Leistungsdefizit wird sichtbar: Leistung liegt deutlich unter dem Klassendurchschnitt

2. Stadium: Verhalten des Kindes wird beeinflusst: Der Schüler realisiert sein Versagen. Er reagiert mit Erklärungen, die ihn möglichst wenig Selbstwertgefühl kosten („Will eh nicht.“) oder übernimmt Erklärungen aus seinem Umfeld („Du strengst dich nicht an.“).

3. Stadium: Kind rutscht in Außenseiterrolle: Durch fehlende Anerkennung sinkt das Selbstwertgefühl und der Schüler flüchtet sich in kompensatorische Handlungen (Störenfried, Klassenclown). Die gravierende Lernstörung entwickelt sich und die Lerndefizite werden immer größer.

4. Stadium: Misserfolg wird als eigenes Versagen wahrgenommen. Das Selbstwertgefühl und der Motor für die Lernbereitschaft sinken weiter. Anstrengung wird als wirkungslos empfunden. Weitere Verstärkung dieser Faktoren durch fehlendes Vertrauen aus der Umwelt.

Und Felix?

Felix befindet sich bereits im 3. Stadium. Er ist zunehmend frustriert im schulischen Bereich und das Defizit im Lernstoff ist enorm. Er gilt als Außenseiter und fällt Mitschülern und Lehrern hauptsächlich durch seine Rolle als Störenfried im Unterricht auf. Durch die Intervention der Eltern in Zusammenarbeit mit einem Lerntherapeuten wird nun systematisch daran gearbeitet, den Teufelskreis zu durchbrechen.

Artikel in Anlehnung an Betz, D. und Breuninger, H. (1982) Teufelskreis Lernstörungen: Theoretische Grundlegung und Standardprogramm (Materialien für die klinische Praxis), Beltz Verlag

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