Zeit

ADHS und das Zeitgefühl

Lesedauer: ca. 4 Minuten

Viele Familien mit Betroffenen von ADHS, die wir in unserer täglichen pädagogisch-therapeutischen Arbeit in den PTE-Einrichtungen begleiten, berichten von ausgeprägten Problemen mit dem Zeitmanagement und dem Zeitempfinden. Menschen mit ADHS leben primär im „Jetzt“ oder im „Nicht-Jetzt“. Dieser Umstand macht besonders Kindern die Übergänge im Alltag schwer: Etwa den Wechsel von der heißgeliebten Spielzeit zum Zähneputzen oder zu den Hausaufgaben. Was auf Außenstehende oft wie Unpünktlichkeit, mangelnder Wille oder reine „Aufschieberitis“ wirkt, lässt sich mit dem heutigen Stand der neurobiologischen Forschung plausibel und entlastend erklären.

Die Zukunft lässt sich denken, aber nicht fühlen

Zeitabschnitte, die nicht unmittelbar bevorstehen, werden vom "ADHS-Gehirn" nicht als greifbar registriert. Ein „Morgen“ oder ein „in einer Stunde“ existiert zwar als theoretisches Konzept, besitzt jedoch keinerlei emotionale Bindungskraft. Dies erklärt auch, warum viele Menschen mit ADHS zu ausgeprägter Prokrastination (chronischem Aufschieben) neigen. Die Aufgabe wird erst dann emotional „real“ und handlungsrelevant, wenn die Deadline unmittelbar bevorsteht und der Druck schlagartig ansteigt.

Verantwortlich dafür ist in erster Linie der sogenannte präfrontale Kortex. Dies ist der Bereich im Gehirn, der als „Exekutive“ für die Planung, die Impulskontrolle und das Vorausdenken zuständig ist. Bei Menschen mit ADHS ist dieses Areal strukturell und funktionell anders vernetzt.

Hinzu kommt eine Besonderheit im dopaminergen System: Der Botenstoff Dopamin spielt eine zentrale Rolle dabei, zukünftige Ereignisse überhaupt als real, greifbar und motivational relevant zu erleben. Fehlt die nötige Dopaminaktivität oder schwankt sie stark, bleibt die Zukunft abstrakt. Das bedeutet für das betroffene Kind: Die Zukunft lässt sich zwar rein rational denken, aber das Gehirn fühlt sie nicht.

Der wissenschaftliche Hintergrund: Der renommierte ADHS-Experte Prof. Dr. Russell Barkley beschreibt ADHS aus diesem Grund nicht primär als reine Aufmerksamkeitsstörung, sondern im Kern als eine Störung der Selbstregulation über die Zeit hinweg.

Praxis-Tipps für den Familienalltag: Zeit sichtbar machen

Um den permanenten Druck aus den alltäglichen Übergängen herauszunehmen, gilt ein grundlegendes Prinzip: Machen Sie Zeit visuell greifbar!

  • Visuelle Timer nutzen: Platzieren Sie Uhren im Blickfeld, die Zeit als Bewegung zeigen (z. B. eine klassische Sanduhr oder einen sogenannten Time-Timer). Bei diesen Uhren schwindet die verbleibende Zeit als farbige Scheibe. Das Gehirn sieht keine abstrakten Zahlen, sondern eine kleiner werdende Fläche. Das nimmt den Druck heraus und hilft dem Gehirn, sich visuell auf den Wechsel einzustellen.
  • Zeitpuffer systematisch verdoppeln: Da das ADHS-Gehirn Zeitspannen von Natur aus unterschätzt, sollten Sie geplante Übergänge oder Wegezeiten pauschal verdoppeln. Das schont die Nerven aller Beteiligten.
  • Große Aufgaben in „Winzig-Schritte“ zerlegen: Um die hohe mentale Hürde des Anfangens zu nehmen, sollten komplexe Aufgaben (wie „Zimmer aufräumen“ oder „Hausaufgaben machen“) in winzige, sofort bewältigbare Teilschritte unterteilt werden (z. B. „Zuerst räumen wir nur die Bauklötze in die blaue Kiste“).

Indem wir verstehen, dass das veränderte Zeitgefühl keine böse Absicht oder Faulheit, sondern eine biologische Besonderheit ist, können wir Kindern mit ADHS mit mehr Empathie begegnen. Mit den richtigen visuellen Hilfsmitteln lässt sich der Alltag für die ganze Familie deutlich harmonischer gestalten.

Quellen und wissenschaftliche Vertiefung

Dass Menschen mit ADHS unter einer veränderten Zeitwahrnehmung leiden, ist neurobiologisch gut dokumentiert. Studien (wie Noreika et al., 2013) zeigen deutliche Abweichungen bei der Zeitschätzung im Gehirn. Die Ursachen liegen in einer veränderten Vernetzung des präfrontalen Kortex sowie im dopaminergen Belohnungssystem, was unter anderem durch die Arbeiten der Hirnforscherin Nora Volkow (JAMA, 2009) nachgewiesen wurde.

Neben dem bereits im Text genannten Standardwerk von Russell Barkley gibt es weitere fundamentale Arbeiten von ihm, die genau das Phänomen der „Zeit-Blindheit“ (Time Blindness) beschreiben:

Barkley, R. A. (2015). Executive Functions: What They Are, How They Work, and Why They Evolved. Guilford Press.

Barkley, R. A. (1997). ADHD and the nature of self-control. Guilford Press.

Weitere Quellen:

Arnsten, A. F. (2009). Toward a new understanding of attention-deficit hyperactivity disorder: Pathophysiology and clubs for intervention. CNS Drugs, 23, 33–41.

Noreika, V., Falter, C. M., & Rubia, K. (2013). Timing deficits in attention-deficit/hyperactivity disorder (ADHD): Evidence from neurocognitive and neuroimaging studies. Neuropsychologia, 51(2), 235–266.

PTE-Redaktion: Manuela Bonfiglio

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